Mußestunde No. 17

Das eigene Leben erleben.

Es ist November. Draußen ist es grau, grau, grau. Aber egal eigentlich - denn wegen der Pandemie sollen wir (hier in Bayern) sowieso wieder zu Hause bleiben.

Die Betonung liegt auf: wieder. Wie letzten Winter.

Argh.

Dabei neige ich ganz grundsätzlich sehr dazu, mich in der kalten Jahreszeit zurückzuziehen. Denn ich fürchte mich vor der Kälte. Ja, ich habe Angst davor, draußen zu frieren.

(Überall ist sie, diese Kälte. Sie ist der Fahrtwind auf dem Rad, der von oben in den Kragen hineinweht und die Finger am Lenker orangerot färbt. Sie wartet auf dem Bahnseig hinter dem Fahrkartenautomaten und freut sich über jede einzelne Minute an Verspätung, die die Deutsche Bahn in einer Tour verkündet. Sie versetckt sich selbst im geparkten Auto, unter dem Raureif, hinter den Lüftungsschlitzen. Sie sucht selbst Restaurants und Bars heim, nutzt zugige Fenster und ungeheizte Toiletten. Sie steht auf Christkindlmärkten direkt hinter Dir und lächelt verschmitzt über Deinen Glühwein, der Dir erst die Finger und dann die Zunge verbrennen wird - doch keinen Moment auch nur eine geringe Chance hat, gegen sie zu gewinnen. Und dann wartet sie hämisch kichernd auf Sylvester, auf ihren großen Auftritt kurz nach Mitternacht, an dem alle Umarmungen verteilt, doch noch lange nicht alle Billig-Raketen verschossen sind.)

Ich weiß also: Da draußen ist die Kälte. Also mache ich es mir drinnen gemütlich. Ich sitze vor dem Ofen, bewundere das Feuer. Trinke Tee, esse einen Cookie. Lese Bücher, schaue Filme. Ich kuschle mich in meine Decke ein. Und ich denke: Ist doch vollkommen egal, was da draußen passiert - hier drin ist doch alles wunderbar.

Doch in genau dem Moment, in dem ich das denke, weiß ich: Es ist eben nicht egal, was draußen passiert. Denn so herum funktioniert das Leben nicht.

Jedenfalls nicht für mich. Und das weiß ich seit etwa einem Jahr.

Denn früher, in all den Jahren und Jahrzehnten, in denen ich mich im Winter am liebsten nur zu Hause eingeigelt hätte, habe ich das ja nicht rund um die Uhr jeden Tag gemacht. Klar bin ich zur Arbeit gegangen, klar habe ich mich mit Freunden getroffen, bin ins Café gegangen, auf Konzerte; klar bin ich zu Geburtstagsfeiern, zu Adventsumtrunken (Umtrunks?), auf Familien- und Weihnachtsfeiern gegangen - sogar auf Sylvesterpartys. (Ja, sogar auf Sylvesterpartys. Wie es aber all diese Menschen schaffen, in ihren dünnen Kleidchen und dem eiskalten Sekt in der Hand draußen bei minus zehn Grad überglücklich Raketen zu bestaunen, ist mir wirklich ein Rätsel. Dieser Satz war übrigens gendertechnisch einwandfrei.)

Dann aber kam der vergangene Winter. Und mit ihm die Pandemie und der Lockdown. Ehrlich gesagt hatte ich mir noch im Herbst 2020 gedacht: Ja, juhu, dann bleib ich einen ganzen Winter lang zu Hause, ist doch gar kein Problem!

Ich igelte mich also ein. Bald schon hatte ich das Gefühl, das Haus, in dem ich lebe, reicht vollkommen aus. Warum auch nicht? Es ist ein sicherer Hafen, eine Höhle der Glückseligkeit, in der alles wunderbar funktioniert. Hier hatte ich Wärme. Zu essen, zu trinken. Bücher, Musik, Serien, Filme. Es erschien mir - zunächst - wie ein nicht enden wollendes Happy End eines seichten Hollywoodfilms.

Doch dann wurde ich… hm, eigen. Ich fror schon bei dem Gedanken daran, die Terrassentür zu öffnen, um Holz zu holen. Ich versuchte verzweifelt, mich davor zu drücken, Einkaufen zu gehen. Was für ein Aufwand! Der Supermarkt ist schließlich mindestens zwei Minuten entfernt. Und das mit dem Rad, zu Fuß sind es wahrscheinlich, was, fünf Minuten. Fünf Minuten? Never ever! Ich hatte auch keine Lust mehr, mich bei Freunden zu melden - was, wenn sie sich treffen wollten? Vermutlich auch noch draußen, wegen der Aerosole! Ugh. Meine eigene Welt endete bei meinen eigenen vier Wänden. Also verschwand ich in Fantasiewelten, in Serien, Filmen, Büchern. Wieso denn selber etwas erleben, wenn es viel einfacher ist, anderen dabei zu zu sehen?

Ha - und genau an diesem Punkt hatte ich es gecheckt. Es muss an einem Januartag gewesen sein. An einem Januarabend, genau genommen, an dem ich wieder mal mit dem Buch in der Hand vor dem Ofen saß und ganz plözlich realisierte: Mir ist mittlerweile die Frage, ob Fitz und Nighteyes überleben, viel wichtiger als die Frage, ob ich überhaupt noch irgendetwas erlebe. (Fitz und Nighteyes aus dem Buch Assassin’s Apprentice, übrigens. Kann ich nur empfehlen.)

Seit diesem Tag weiß ich: Ich muss auch im Winter rausgehen. (Egal, ob es einen Lockdown gibt oder nicht.) Ich muss etwas erleben. Ich will etwas erleben. Egal was. Ich muss raus aus dem Haus gehen, jeden Tag. Mindestens zur Post (wenn ich etwa meine Karten oder Kalender verschicke, juhu), oder zum Supermarkt, zum Bäcker, zum Buchladen. Besser aber ist es, noch weiter hinaus zu gehen, heraus aufs Land oder hinein in die Stadt. Ich will Leute treffen, Freunde, Familie (mit 2Gplus, klar), gerne auch Fremde, wenigstens auf der Straße oder im Park.

Denn ich will, dass meine Welt nicht bei meinen eigenen vier Wänden aufhört. Ich will, dass mein Leben spannender ist als das Leben von Figuren, die nur auf dem Bildschirm oder auf einer Buchseite leben.

(Hm, im Fall von Fitz und Nighteyes ist das ehrlich gesagt so gar nicht möglich, denn zaubern und kämpfen und Drachen erwecken liegt wohl nicht ganz innerhalb meiner Möglichkeiten… Schade, eigentlich.)

Okay, also: Ich will, dass mein Leben für mich spannender ist das Leben erdachter Figuren.

Und: Was plant ihr so für diesen Winter?


Themawechsel: Kennt Ihr schon Wheezy Waiter? Das ist ein sehr lustiger Typ, der immer wieder verschiedene Sachen ausprobiert, meist gesundes Zeug (kein Internet, kein Zucker, kein Coffein, viel Yoga, und soweiternsofort) - und daraus witzige Youtube-Videos macht.

Ich finde das genial. Man schaut sich die Videos an und denkt sich dann: Ach, er hat’s ja schon ausprobiert, dann muss ich es ja nicht mehr ausprobieren. (He he.) Für den kommenden Winter kann ich zum Beispiel das 10.000-Schritte-pro-Tag-Video empfehlen:

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