Acht Jahre Freiheit.
2017 habe ich meinen Job gekündigt. Und es nicht eine Sekunde bereut.
Die Bilder sind genau acht Jahre alt. Ich habe sie am 27. September 2017 aufgenommen. Das war ein Mittwoch - und mein letzter Arbeitstag als festangestellte Redakteurin bei einer Lokalzeitung. Man sieht zuerst das Haus, in dem die Redaktion beheimatet war, von außen, ein karges weißes Wohnhaus. Dann der Blick aus dem Fenster des Konferenzraumes. Dann der Blick in den Konferenzraum, verlassen. Ein langer, holzfarbener Konferenztisch, ein paar rote Siebziger-Jahre-Stühle, leer. Auf dem Tisch steht noch ein Teller mit restlichem Essen darin, vermutlich meiner, in dem Raum hatten wir immer Mittagspause gemacht. Dann verwackelte Bilder des Großraumbüros, weiß-grau. Auf einem sind zwei Kollegen zu sehen, die mit versteinerter Miene am Computer und am Handy sitzen. Dann ich am Whiteboard. An einem Magnet hängt ein ausgedruckter Din-A-4-Zettel, in den ich etwas eintrage und dabei gestellt-fröhlich in die Kamera grinse. Damals war das vermutlich ein wichtiger Schritt: Das letzte Mal trage ich dasunddas in dieunddie Liste ein. Heute weiß ich gar nicht mehr, was man in diese Listen eintragen musste. Dann ändert sich die Atmosphäre auf den Fotos. Die grau-weiße Büroatmosphäre weicht dem weichen Grün des Schlossparks. Dann ein Selfie, in der warmen Herbstsonne versuche ich, in die Kamera zu lächeln, bin aber noch etwas verkrampft. An diesen Moment kann ich mich noch erinnern. Ich wollte unbedingt ein Selfie machen, diesen Moment festhalten, in dem ich mich plötzlich etwas leichter fühlte. Ich war raus aus dem festen Job. Endlich. Ich war frei.
Vielleicht hört sich das gemein an, als ob ich aus einem Gefängnis entlassen worden wäre, als ob die Redaktion eine einzige schreckliche Folterkammer gewesen wäre. Das stimmt natürlich nicht. Ich habe dort viele schöne Erlebnisse gehabt, ich hatte großartige Kolleg*innen, ich habe dort Menschen kennengelernt, die noch heute zu meinen engsten Freunden gehören. Vor allem habe ich dort das Schreiben gelernt. Trotzdem war ich dort irgendwann unglücklich. Und wenn man in einem festen Job unglücklich ist, dann fühlt er sich nun mal ein wenig nach einem Gefängnis an. Weil man dort jeden Tag erscheinen muss. Weil man dort jeden Tag seine Aufgaben erledigen muss. Und weil es so gar keine Aussicht gibt auf Veränderung. Oder gar Verbesserung.
Dabei war ich die erste Jahre in der Redaktion sehr glücklich gewesen. Wir hatten einen älteren, sehr erfahrenen, und vor allem sehr entspannten Chef, der sich vom Haupthaus (=der Mantelteil der Tageszeitung) auf gar keinen Fall in seine Geschäfte hineinreden ließ (=der Lokalteil der Tageszeitung). Er verfügte offenbar über ein unendlich großes Budget und gab dieses Budget mit vollen Händen aus, was bedeutete, dass sich sehr viele junge Menschen in der Redaktion herumtrieben, als freie Mitarbeitende, Praktikanten, Volontäre. Er hatte seine Freude daran, wenn wir mit neuen Themen kamen, packende Reportagen schreiben oder gar eine coole Jugendseite einführen wollten. Er ließ uns einfach machen. Und wir machten. Was Spaß machte.
Doch mit den Jahren veränderte sich alles. Der ältere Chef ging in Rente, viele junge Kolleg*innen verschwanden. Ich weiß nicht mehr genau, ab wann ich dort nicht mehr glücklich war. Aber ich kann mich noch an die Tage erinnern, an denen ich mich in dem tristen Großraumbüro umsah und lauter unglückliche Menschen um mich herum erblickte. (Mehr dazu in der Mußestunde “Überleg Dir keinen Plan B”.)
Selbst dann dauerte es noch, bis ich mich endlich traute, zu kündigen. Ich hatte irgendwie Angst, diese feste, sichere Umgebung zu verlieren, eine Umgebung, in der nicht viel Neues passierte, aber in der man eben umgekehrt genau wusste, was jeden Tag auf einen zukommen würde. Ich versuchte es erst einmal mit einer Reduzierung der Arbeitszeit auf eine Vier-Tage-Woche, bisschen weniger Gefängnis, bisschen mehr Freiheit. Das machte es besser, aber nicht gut. Doch so wurde mir ganz langsam klar: Ich wollte nicht in ein anderes Großraumbüro wechseln, mit anderen Leuten darin, vielleicht auch anderen Aufgaben, aber doch derselben Enge, denselben Regeln, denselben Vorgaben, denselben Erwartungen. Ich wollte mich selbstständig machen.
Wenn ich Freunden oder Kolleg*innen gegenüber mal die Idee erwähnte, vielleicht zu kündigen und mich selbstständig zu machen, schlug mir meist eine leichte Panik entgegen. “Aber von was willst Du denn dann leben?” Gute Frage. Gab es nicht irgendwo Menschen, die als freie Kreative arbeiteten - und davon lebten? Vielleicht. Ich aber kannte keinen von ihnen.
Also war ich auf mich selbst angewiesen. Ich wusste, dass man als Arbeitslose einen Gründerzuschuss beantragen konnte. Das behielt ich im Hinterkopf. Doch der Schritt von einem vagen Plan im Hinterkopf hin zum tatsächlichen Kündigen in der Realität ist riesig. Ich schob ihn immer wieder auf. Gerade läuft es doch ganz gut, heute war es doch ganz lustig, wer weiß schon, welche Gefahren da draußen in der grausamen Wirklichkeit auf mich lauern?
Doch eines Tages wagte ich den Blick in meinen Tarifvertrag. Nur so, um mal zu schauen, wie das mit der Kündigungsfrist wäre. Noch heute sehe ich den Paragrafen vor mir:
“Nach Ablauf von drei Jahren im gleichen Verlag (Verlagsdienstjahren) beträgt die Kündigungsfrist mindestens 3 Monate jeweils beiderseits und zum Ende eines Kalendervierteljahres.”
Oh mein Gott. Zum Ende eines Kalendervierteljahres??? Es war der 28. Juni. Wenn ich nicht sofort, quasi gestern noch, kündigen würde, dann… müsste ich bis Ende Dezember weiter in der Redaktion arbeiten. Bis Ende Dezember. Sechs Monate. Mein Herz fing an zu rasen. Ich hatte einen kleinen Nervenzusammenbruch.
Danach war klar: Ich muss kündigen, und zwar sofort.
Das tat ich also.
Und so kam es, dass der 27. September mein letzter Arbeitstag in meinem festen Job wurde. Danach machte ich mich selbstständig. Mit dem Gründerzuschuss, übrigens, der mir ziemlich entspannt bewilligt wurde.
Seitdem bin ich selbstständig. Frei. Und kreativ. Natürlich war nicht immer alles eitel Sonnenschein. Natürlich gab es Aufs und Abs, Rückschläge und Enttäuschungen, langweilige Tage und anstrengende. Aber nicht eine einzige Sekunde lang in diesen acht Jahren habe ich mich in meinen festen Job zurückgesehnt. Wirklich. Ehrlich.
Und so sehe ich heute zurück auf diese Person im warmen Licht der Herbstsonne, die ein Auge zukneift und etwas verkrampft in die Kamera lächelt. Und denke mir: Du bist so großartig. Dass Du gekündigt hast! Dass Du Dich selbstständig gemacht hast! Einfach so. Wie mutig! Ohne Dich hätte ich nicht all das erlebt, was ich in den vergangenen Jahren erlebt habe. Ohne Dich wäre ich heute nicht da, wo ich bin. In meinem gemütlichen, bunten, kreativen, erlebnisreichen Arbeitszimmer, in einem entspannten, fröhlichen, abwechslungsreichen, freien Leben.
Tausend Dank dafür.





Auf die Freiheit!!!! 🥳
Oh, ich fühle voll mit. Herzlichen Glückwunsch zum Achtjährigen!