Echtes Handwerk - große Kunst.
Beim Schreiben, bei Schreibmaschinen, und überhaupt.
Kennt ihr das, wenn ihr ein Buch aufschlägt, oder eine Zeitung, oder einen Newsletter, und ihr lest die erste Zeile und wisst sofort: Das ist genial. Einfach großartig. Und schon lest ihr weiter, wie gebannt. Bis zum Schluss. (Außer es ist ein Buch, dann müsst ihr vermutlich dazwischen mal eine Pause einlegen.) Und dann seid ihr ein bisschen… verzaubert.
Ja? Kennt ihr das? Mir ist das glücklicherweise schon des öfteren mal passiert. Und erst letzte Woche wieder einmal. Als ich einen Artikel der New York Times las. Online. Er heißt “How to Fix a Typewriter and Your Life”. (Schon der Titel ist genial, oder?)
Der erste Satz lautete:
Eleven years ago, Paul Lundy was dying a slow, workingman’s death under fluorescent light.
(Das ist wirklich schwer zu übersetzen, weil es so extrem gut ist. In etwa:
Es ist nun elf Jahre her, dass Paul Lundy unter kaltem Neonlicht den unaufhaltsamen Tod eines Arbeiters starb.)
Das packte mich. Wie gut kann bitte der Anfang eines Artikels sein?
So gut. Wahnsinn.
Die ganze Geschichte ist dann kein Stückchen schlechter gewesen. Jener Paul Lundy, der damals noch als Gebäudeverwalter gearbeitet hatte, war Mitte 50, als er einen Zeitungsartikel (hu) über einen 92-jährigen Mr. Montgomery las, der Schreibmaschinen reparierte. Er zeigte den Artikel seiner Frau.
“I think this might be it,” he told her.
“Ich glaube, das könnte es sein”, sagte er zu ihr.
Und das war es auch. Für ihn. Und für Mr. Montgomery. Ich will nicht die ganze Geschichte nacherzählen, denn ich hoffe, dass sie der eine oder die andere von euch noch selbst lesen will, aber es gibt ein Happy End. (Gut, dazwischen muss man einige Male weinen. Aber auf eine schöne Art und Weise.)
Nun ist die Geschichte an sich wirklich unglaublich und von daher schon extrem gut - aber gleichzeitig ist sie auch so wahnsinnig schön erzählt. (Das Erstaunliche ist, dass man auch gute Geschichten versauen kann. Und das sage ich aus eigener Erfahrung). Dieser Journalist der New York Times jedoch, Kurt Streeter, kann wirklich richtig gut erzählen. In diesem Fall: schreiben. Er weiß, wie das geht, nichts zu übertreiben, nichts kaputt zu reden, über nichts hinwegzugehen, sondern alles genau passend darzustellen. So, dass man vom ersten Moment an gefesselt ist und man bis zum letzten Wort dabei bleibt.
Und nun kommen wir zum eigentlichen Thema dieser Mußestunde: Denn dieses Schreiben ist eine große Kunst - aber gleichzeitig auch ein echtes Handwerk.
Widerspricht sich das? Ich hoffe nicht.
Denn diese Kunst hat dieser Mann gelernt, geübt, ausgefeilt, perfektioniert. So, wie man auch ein Handwerk erlernt, übt, ausfeilt, perfektioniert - wenn man es richtig gut machen will.
Wie Mr. Montgomery und später Paul Lundy. Sie sind echte Experten in Sachen Schreibmaschinen, so versiert, dass sich Menschen aus dem ganzen Land bei ihnen melden und ihnen ihre geliebte Schreibmaschine schicken. (Ja, auch heute noch.)
Ich glaube schon, dass man für einige Dinge, einige Künste (oder alle), ein gewisses Talent braucht, also eine Art Grundvoraussetzung. Etwa für das Schreiben oder für das Schreibmaschinenreparieren; für das erstere braucht man wohl ein gewisses Sprachgefühl, dazu muss man gut hinhören können, gut beobachten, Menschen verstehen; und bei zweiterem braucht man wohl etwas Fingerspitzengefühl, räumliches Denken, und vermutlich viel Geduld.
Dann aber, wenn man sozusagen die Grundvoraussetzungen mitbringt, dann muss man sie weiter ausbauen. Denn “Talent” allein reicht nicht. Man muss besser werden. Wie etwa beim Schreiben. Niemand kommt auf die Welt und kann gut schreiben. Wie auch niemand auf die Welt kommt und gut Klavierspielen kann. Oder Tennis. Oder Call of Duty. (Was das ist? Ein Computerspiel, ein Egoshooter. Ich hab’s sozusagen ergoogelt. Hihi.)
Ich würde sagen, dass ich weder Call-of-Duty-, noch Tennis-, noch Klavierspiel-Expertin bin, beim Schreiben aber bin ich hoffentlich etwas weiter vorne mit dabei. (Als der Durchschnitt der Bevölkerung, meine ich.) Ihr kennt vermutlich diesen Spruch, dass man etwas 10.000 Stunden lang getan haben muss, um richtig gut darin zu sein, und die habe ich beim Schreiben ganz sicher schon hinter mir.
Wobei es nicht wirklich etwas bringt, wenn man, sagen wir mal ganz hypothetisch, 10.000 Stunden lang einfach nur vor sich hinschreibt, ohne auch nur einmal zu überlegen, was man da schreibt und ob man das nicht auch besser schreiben könnte; ohne es jemandem anderen zu zeigen und kritisiert zu werden und es noch einmal abändern zu müssen - nun, ich fürchte, dann wird man auch nach den 10.000 Stunden nicht viel besser sein als vorher.
Es geht also um: das echte Lernen. Ausprobieren, üben, überlegen, sich verbessern, dann weiter ausprobieren, weiter üben, weiter überlegen, undsoweiter.
Eine unendliche Angelegenheit.
Deshalb sollte man also weise wählen, in welcher Sache man Expert/in werden will; denn es sollte etwas sein, das einem so viel Spaß macht, dass man dabei bleibt - auch wenn man irgendwann einmal merkt, dass das mit dem Lernen niemals vorbei sein wird. Dass das echte Handwerk, die ganz große Kunst, ein ewiges Weitermachen ist.
Doch wie wir bei Paul Lundy sehen: Es ist niemals zu spät, damit anzufangen.
Im Übrigen fand ich den Artikel vielleicht auch deshalb so großartig, weil ich Schreibmaschinen liebe. Ich besitze selber eine Princess 300, denn vor vielen Jahren, als ich mich frisch selbstständig gemacht hatte, habe ich mit ihr einen “Schreibmaschinenblog” angefangen. Also: Kolumnen auf der Schreibmaschine getippt, sie dann eingescannt und in meinem Blog veröffentlicht. (SEO-Profis unter euch werden nun schockiert die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.)
Hat aber wirklich Spaß gemacht. Ich weiß gar nicht, warum ich wieder damit aufgehört habe. Oder doch, ich weiß es: Weil es schon etwas mühsam ist, ohne eine Lösch-Taste längere Texte zu schreiben. Jedenfalls habe ich alle meine Kolumnen noch (im Original, auf Papier), vielleicht werde ich ja mal wieder eine herausholen und euch zeigen.




Liebe Nina, oh ja - die 10.000 Stunden sind mir sehr vertraut - beim literarischen Schreiben habe ich allerdings noch wenig davon verbraucht. Work in process. 😉