Mußestunde No. 10

Angst und Roboter.

Heute geht es um die Angst, etwas her zu zeigen.
Und um einen Roboter.

Dies ist der süßeste Roboter, den ich jemals in meinem Leben gesehen habe. Findet ihr nicht auch? Er steht in meinem Arbeitszimmer und ich werde ihn hüten und ehren bis an mein Lebensende. Denn er ist das allererste Original-Kunstwerk, dass ich jemals in meinem Leben gekauft habe.

Und das kam so.


Es war vor etwa sieben Jahren. Ich war noch festangestellte Redakteurin, hatte aber schon angefangen, ein wenig kreativ zu werden: Ich bastelte damals Schriftzüge aus Draht. (Deswegen heißt mein Etsy-Shop immer noch „Wortdreherei“.)
Eines Tages also fuhr ich zu einem Bastelwaren-Geschäft, um mich wieder mit Draht einzudecken. Ich parkte mein Auto auf dem riesigen Parkplatz, und als ich in den Laden hineinging, sah ich, dass ein kleiner Junge ein paar Meter weiter vor dem Laden saß und offensichtlich etwas vor sich stehen hatte.
Ich ging also hinein, kaufte ein paar Silber- und Golddrähte, und dachte mir die ganze Zeit, was der Junge da draußen wohl machte. Als ich also hinausging, steuerte ich ganz vorsichtig in Richtung des Jungen, und als ich näher kam, sah ich: Kleine Skulpturen. Der Junge war etwa im Grundschulalter, vielleicht acht oder neun Jahre alt, und die kleinen, offenbar selbst gebastelten Skulpturen sahen aus wie Roboter, zusammengeklebt aus Korken, Batterien, Schrauben, Muttern, Reißzwecken und Plastikteilen. Sie erinnerten mich irgendwie an die Minions. Daneben stand ein Schild, darauf stand:  „Ein Roboter ein Euro“. Oder so etwas in der Art, genau weiß ich es nicht mehr, wie viel er dafür verlangt hat.

Ich weiß nur, dass der Junge unglaublich süß aussah, dass die Roboter unglaublich süß aussahen, dass das Schild unglaublich süß aussah, und dass ich sofort wusste: Ich muss so einen Roboter haben. Ich sah mir sie genau an, fragte den Jungen, ob er sie selbst gebaut hatta (ja, natürlich) - und merkte, wie er immer aufgeregter wurde. Schließlich entschied ich mich für einen Roboter (siehe das Foto oben) und kaufte ihn dem Jungen ganz offiziell ab. Er bedankte sich, ich bedankte mich, und ich drehte mich um, um zu meinem Auto zu gehen.

Ich war schon ein paar Schritte weiter, da rief mir der Junge zu:
„Sie waren die allererste, die was gekauft hat!“

Ich drehte mich um und sah ihn an, wie er da stand, ganz aufgeregt. Ich lächelte zurück und nickte ihm aufmunternd zu. Aber ich habe nichts raus bekommen. Denn in dem Moment brach er mir fast das Herz. Mir bricht immer noch das Herz, wenn ich nur daran denke. Ich muss fast losweinen, ehrlich. Warum denn nur? - sagt ihr nun fassungslos.

Tja, warum nur...

Weil: Ich genau weiß, wie dieser Junge sich an diesem Tag gefühlt hat. Wie er seinen ganzen Mut zusammengenommen hat und das Schild geschrieben hat. Wie er all seine Roboter, die er wahrscheinlich in den letzten Tagen und Wochen und Monaten gebastelt hat, in eine Tasche gepackt hat, und sich überlegt hat, dass doch der Bastelladen ein guter Platz sein könnte, um seine Werke zu verkaufen: Da kommen Leute hin, die Sinn für Kunst haben. Wie er die Roboter aufgebaut hat, sein Schild daneben gestellt und dann gewartet hat.
Und gewartet. Und gewartet.
Und niemand hat etwas gekauft.

Wie er schon dachte, dass das alles umsonst ist.
Wie er schon dachte, dass seine große Schwester wahrscheinlich doch recht hat, die ihm immer sagt, dass seine hässlichen Müllroboter niemand haben will. Wie er dachte, dass er vielleicht doch besser mehr Zeit den Hausaufgaben widmen sollte als der „blöden Bastelei“, wie sein Vater immer sagt, und seine Mutter dann etwas entschuldigend lächelt, und sagt, tja, natürlich ist so ein Hobby was Schönes, aber, Schatz, gute Noten sind halt wichtiger – und im Fußballverein würdest Du auch mehr Freunde finden…

Was? Ihr findet, jetzt geht aber meine Fantasie mit mir durch?

Gut, vielleicht.
Ich versuche, mich etwas zusammenzureißen.

Halten wir uns also an die Fakten.
Als er mir hinterher gerufen hat, schwankte sein Ton zwischen Verzweiflung - 
und absoluter Begeisterung.

Ich glaube zu wissen, was dieser Junge in jenem Moment gefühlt hat, als ich kam und ihm einen Roboter abkaufte. Seine Angst, die er vorher verspürt hatte (Wird jemand etwas kaufen?) war zwischenzeitlich in eine kleine Depression übergegangen (Wahrscheinlich wird sowieso niemand was kaufen...) und gipfelte plötzlich in absoluter Erleichterung (Jemand hat etwas gekauft!). Denn genau so fühlt sich jeder Mensch, der etwas baut, kreiert, entwirft, bastelt, näht, zeichnet, spielt, schreibt, gestaltet – und es dann der Öffentlichkeit präsentiert.

Oder, halt: Was weiß ich, was die anderen fühlen. Ich fühle mich so. Jedes Mal. Egal ob ich etwas ins Internet stelle oder einer Freundin zeige oder ob ich etwas verschenke oder gar verkaufen will. Ich habe Angst davor, was die anderen dazu sagen werden. Ich habe Angst davor, dass es niemanden interessiert. Ich habe Angst davor, dass es alle scheiße finden, hässlich, langweilig, oder einfach nur blöd.

Man macht sich so… verwundbar, wenn man etwas herzeigt, was man selbst gemacht hat. (Saudoofes Trendwort, ich weiß, aber mir fällt kein passenderes ein.)  Man fühlt sich verwundbar, denn man weiß nicht, wie die anderen reagieren werden.

Aber dann… Sagt jemand: Oh wie schön! Oder: Oh wie klug! Oder: Oh wie toll!
Oder jemand antwortet auf meinen Newsletter und sagt, dass er ihn wirklich gerne liest. Oder jemand hinterlässt einen netten Kommentar. Oder jemand spendiert mir einen Kaffee. Oder jemand bestellt gar etwas in meinem Etsy-Shop.

Dann könnte ich: Jubelnd durch die Gegend springe, die Welt umarmen, alle küssen und herzen und mit Konfetti überschütten!!!
(Ja, ehrlich, so sehr freue ich mich über eure Reaktionen!)

Nein, ich will damit nicht sagen, dass man alles, was man tut, nur tun sollte, um Anerkennung zu bekommen. Auf keinen Fall! Man sollte das tun, was man tun möchte, und zwar nur, weil es einem selbst gefällt. Davon bin ich felsenfest überzeugt.

Trotzdem sind wir alle soziale Wesen. Wir lieben es nun mal, mit anderen Menschen zusammen zu sein und von ihnen respektiert zu werden. Anerkennung ist irgendwie eine Form von Respekt. Klar ist auch konstruktive Kritik wichtig, klar will man besser werden, klar will man wissen, wenn etwas kacke ist. Aber man will auch wissen, wenn etwas gut ist.
Man will hören: Du bist auf dem richtigen Weg.

Ich bin immer wieder mal zu dem Bastelladen gefahren, aber ich habe den Jungen leider nie wieder gesehen. Ich hoffe so sehr, dass an jenem Tag noch jemand stehen geblieben ist und einen Roboter gekauft hat. Ich hoffe so sehr, dass der Junge weiter Roboter gebastelt hat, dass er heute immer noch Roboter baut, oder Skulpturen, oder etwas noch viel Tolleres.

Ich hoffe so sehr, dass er niemals den Mut verloren hat, etwas Neues zu erschaffen.

Ich hoffe, dass auch mich niemals der Mut verlässt, etwas Neues zu erschaffen.

Und euch auch nicht.


Hu, das war etwas kitschig alles, oder? Tut mir leid! Ich konnte nicht anders.
Aber damit wir alle ja nicht emotional werden (gut, ich bin es gerade schon, aber egal), widmen wir uns wieder der harten, abgebrühten Welt.

Die auf eine ganz drastische und coole und schreckliche und wunderbare Weise dargestellt wird in der Serie "True Detective".

Sie ist schon etwas älter, deshalb wird sie die eine oder der andere von euch schon kennen. Ich habe sie aber erst vor ein paar Wochen entdeckt, mir die erste Staffel auf DVD gekauft und angeschaut, und bin: begeistert. Dass Woody Harrelson en guter Schauspieler ist, wusste ich schon - aber dass Matthew McConaughey (Mann, den Namen muss ich immer erst mal googeln, weil ich mir einfach nicht merken kann, wie man den schreibt - und wie spricht man ihn überhaupt aus?) auch so ein sensationeller Schauspieler ist, hätte ich niemals gedacht.

Ist er aber. Sind sie beide.

(Im Übrigen gibt es noch weitere Staffeln, ohne die beiden, aber ein Freund von mir, der einen perfekten Geschmack in Sachen Serien und Filme hat, meinte, die sind nicht mehr so toll. Also schau ich sie mir gar nicht erst an.)


So, das war's wieder für heute.
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Also dann: Vielen Dank für alles.
Und bis bald!