Mußestunde No. 12

Immer gut: Veränderung.

Willkommen zurück im Leben! (Na, alle gut erholt? Hattet ihr einen schönen Sommerurlaub? Ja, ich auch, danke.)

Heute geht es um: Veränderungen.

Ihr habt es vielleicht schon gemerkt, weil die E-Mail anders aussieht als sonst: Wir sind umgezogen! Also, die Mußestunde ist umgezogen, von Mailchimp auf Substack, und somit seid ihr alle mit umgezogen. (War gar nicht so schlimm, oder?)

Für euch ändert sich damit eigentlich: gar nichts. Die Schrift schaut ein bisschen anders aus, ja… Aber Stil und Thema bleiben gleich, versprochen.

Warum ich dann umgezogen bin? Weil sich für mich was geändert hat. Ich schreibe jetzt auf Substack statt auf Mailchimp. Irgendwie finde ich die Plattform sympathischer, fast alle coolen Newslettter, die ich selbst abonniert habe, sind auf Substack; und mir gefällt diese entspannte, schlichte Art gut, das schöne Layout…

Außerdem mag ich Veränderungen einfach wahnsinnig gern.

Zum Beispiel optische Veränderungen. Neuer Newsletter. Neue Website. Neue Haarfarbe. Neue Wandfarbe.

Schon als Kind habe ich ständig mein Zimmer umgeräumt. Ich hatte fünf große Möbel in meinem Kinderzimmer: ein Regal, einen Schrank, ein Bett, einen Schreibtisch und eine Couch. Das hört sich nach einem relativ großen Kinderzimmer an, und das war es auch. Es waren erst zwei kleine Zimmer für meinen Bruder und mich gewesen, aber dann haben meine Eltern die Trennwand herausgerissen, so dass es ein großes Zimmer für mich wurde. (Nein, mein Buder wurde deshalb nicht aus dem Haus geschmissen - er hat ein anderes großes Zimmer im Souterrain bekommen. Ihr ahnt es schon: Ich bin in einem großen Einfamilienhaus auf dem Land aufgewachsen.)

Somit hatte ich also ein großes Zimmer mit zwei Fenstern und zwei Türen, die beide in denselben Gang führten. Die eine war also überflüssig. (Geradezu problematisch, eigentlich - denn wenn ich mich mit meinem Bruder gestritten hatte und in mein Zimmer geflüchtet bin, die Tür hinter mir zugeworfen und ganz schnell zugesperrt habe, musste die andere schon zugesperrt sein, denn ansonsten schaltete mein Bruder blitzschnell um, rannte zur anderen Tür, stürzte in mein Zimmer hinein und sich auf mich, um mich weiter zu kitzeln/ zu zwicken/ zu hauen oder wegen wasauchimmer wir uns gerade gestritten hatten. Ja, das war eine anstrengende Geschwisterbeziehung, das stimmt, aber seit wir von zu Hause ausgezogen sind, verstehen wir uns ganz wunderbar.) Also fing ich an, die zweite Tür konsequent immer abgesperrt zu lassen; schließlich behandelte ich sie wie eine Wand und stellte die Möbel direkt davor.

Und zwar immer wieder andere Möbel, denn: Ich stellte sie ständig um. Fünf Möbel, ein großer quadratischer Raum - da gibt es ungefähr 7295 verschiedene Möglichkeiten, wie man die Möbel hineinstellen kann. Und die habe ich alle ausprobert. Na gut, fast alle. Anfangs war ich noch etwas vorsichtig und stellte die Möbel an den Wänden entlang auf, irgendwann wurde ich mutiger, und stellte sie auch von der Wand senkrecht in den Raum hinein, und schließlich standen sie teilweise sogar mitten im Raum. Das war gewagt, damals! Zumindest in meiner Welt.

Irgendwann fing ich an, das Möbel-Umstellen quasi zu professionalisieren. Ich maß das Zimmer und alle Möbel genau aus, zeichnete einen (etwa) maßstabsgetreuen Grundriss meines Zimmers auf ein kariertes Papier, auf ein anderes die Möbel, die ich dann ausschnitt, und so konnte ich sie nach Belieben in dem Grundriss herumschieben - bis mir eine neue Variation gefiel und ich sie in echt ausprobierte. (Machen das Innenarchitekten eigentlich auch so?)

Veränderung leicht gemacht, quasi. Ich habe es geliebt.

Das tue ich auch heute noch. Klar werde ich älter und vorsichtiger, zum Beispiel bei neuen Haarfarben (wobei meine Friseurin mittlerweile einen beruhigenden Einfluss auf mich hat), bei Spontankäufen (letzter großer Fehlkauf: ein Campingbus), und bei Umzügen (ich wohne nun schon fast fünf Jahre in dieser Wohnung). Die Möbel in meinem Arbeitszimmer stelle ich zwar noch alle paar Monate um, dafür aber kann ich den Rest der Wohnung relativ entspannt so lassen, wie er ist. (Im Großen und Ganzen.)

Doch gerade bei der Arbeit verändere ich alles Mögliche, ständig. Den Newsletter zum x-ten Mal (meine ältesten Abonennten werden es wissen). Meine Website. Meine Facebook- und Instagram-Seiten. Die Profilbilder. Die Beschreibungen... Und das sind ja nur Kleinigkeiten! Ich bin seit vier Jahren selbstständig, und meine Ausrichtung, meine Aufträge, mein Selbstverständnis davon, was ich bin und was ich mache, verändert sich ebenfalls permanent. Mal bin ich Texterin, mal Lektorin, dann wieder Journalistin oder Autorin, dann Ghostwriterin. (Die meisten dieser Jobtitel drehen sich um das Thema Schreiben, und für Außenstehende mag das alles dasselbe sein, für mich aber nicht. Die Schreibenden unter euch werden das verstehen.) Außerdem bin ich Etsy-Shop-Besitzerin und Zeichnerin, ich wäre gerne noch Illustratorin, und und und…

Im Grunde genommen weiß ich nie, was ich nächstes Jahr wohl so machen werde. Manchmal auch: nächsten Monat.

Die große Frage lautet also: Warum mache ich das? Warum verändere ich ständig alles? Warum kann ich es nicht einfach mal so lassen, wie es ist?

Jetzt sitzt ihr da und denkt euch ganz küchenpsychologisch: Klar, Angst vor Sicherheit hat sie, vor fester Bindung, vor dem Alltag - das merkt man ja sofort. Aber das stimmt gar nicht. Menschentechnisch, also in Beziehungen und Freundschaften, bin ich ausgesprochen treu und beständig.

Aber mir ist die Vorstellung, dass mein Leben so insgesamt für immer gleich bleiben könnte, ein echtes Gräuel. Zum Beispiel kann ich über Leute, die jedes Jahr an genau demselben Ort genau denselben Urlaub machen, nur den Kopf schütteln. Das muss doch frustrierend sein! Oder Menschen, die immer in dasselbe Restaurant gehen. Oder Menschen, deren Woche immer gleich abläuft. Montag: Tennis. Dienstag: Stammtisch. Mittwoch: Fernsehen. Donnerstag: Kino. Freitag: Der Lieblingsitaliener… Wenn ich nur daran denke, schnürt sich mir schon die Kehle zu.

Vielleicht weiß ich auch im Grunde genommen immer noch nicht, was ich sein will, sein soll, sein darf.

Also probiere ich einfach alles mal aus.

Ist das gut? Ist das schlecht? Keine Ahnung. Es ist eben so.

Und, wie ist das bei euch so?



Was für ein Zufall. Ich habe diese Mußestunde gestern schon geschrieben und mir am Abend einen Chai-Tee gemacht. Jeder Teebeutel meines Chai-Tees ist ziemlich weise, zumindest wirken sie so, da sie mir immer einen gut gemeinten Spruch vorlegen, über den kleinen Zettel am Teebeutel.

Auf meinem Teebeutel gestern Abend stand:

“Wandel und Wechsel liebt, wer lebt.”

Wieso bin ich da nicht selbst drauf gekommen! Jetzt fühle ich mich richtig gut mit meiner Lust auf Veränderung. (Danke, lieber Teebeutel.)