Mußestunde No. 4

Was ist Muße?


Heute geht es um: die Muße. Was ist das eigentlich?


Da nun mein Newsletter den ehrenwerten Namen "Mußestunde" trägt, ist es an der Zeit, sich auch mal mit dem Begriff der Muße auseinanderzusetzen. Denn ich habe nur eine diffuse Vorstellung davon, was Muße eigentlich bedeutet. (Ihr auch?)
Nun denn, da ich mich nun rühme, Mußestunden zu kreieren, sollte ich auch genauer wissen, was das eigentlich bedeutet.

Googeln kann natürlich jeder, dachte ich mir. (Habe ich auch, aber erst später.) Da ich jedoch  erstens ein Fan von Langsamkeit bin, zweitens von Ursprünglichkeit und drittens von alten Dingen, habe ich versucht, das Thema mal etwas anders anzugehen. Nämlich: mußevoll. (Gibt es das Wort überhaupt?)

Also stieg ich auf unseren Speicher, in dem eine Gesamtausgabe des Brockhaus liegt, in zwölf Bänden, Jahrgang 1955; ein Erbstück, feinsäuberlich verstaut in einem alten Koffer. (Ist es nicht wunderbar, dass es sowas noch gibt? Ein - für unsere Verhältnisse - uraltes Nachschlagewerk? Und das liegt in meinem Dachboden? Unglaublich.)

Die Muße versteckt sich in Band acht.

Dort heißt es:

"Muße (zu ahd. muozan ,können, müssen'), die von Pflicht- und Erwerbsarbeit freie Zeit, bes. sofern sie, mit wertvoller Beschäftigung (geistige Tätigkeit, Kunstgenuß, Gespräche, Geselligkeit) ausgefüllt, schöpferische Kräfte zu freier Tätigkeit erweckt."

Puh.

Ehrlich gesagt war ich über diese Definition schockiert. Denn somit hat die Muße genau dasselbe Problem, das sich in unserer jetzigen Gesellschaft überall, in allen Ecken des Tages, verbreitet: Sie ist existiert nur deswegen, weil sie Sinn macht! Weil sie "wertvoll" ist.  Weil man durch sie wieder nützlich wird und "schöpferische Kräfte" weckt.

Das Problem daran ist: Ich hasse diese Einstellung. Auch, weil ich selber manchmal unter ihr leide, unter dieser Einstellung,  dass alles, was man den ganzen lieben Tag lang tut, dafür da sein muss, dass man
a) Geld verdient
b) sein Leben organisiert
c) gesund bleibt (körperlich wie psychisch)
oder
d) sich weiterentwickelt.

Ist das so furchtbar, fragt ihr? Ja!  Denn dabei bleibt keinerlei Zeit übrig, die einfach zu gar nichts nutze ist. Zeit, in der man etwas einfach nur so macht. Ohne Sinn und Zweck. In der man zum Beispiel ein Spiel spielt, ohne daran zu denken, dass just dieses Spiel perfekt dafür geeignet ist, die eigenen kognitiven Fähigkeiten zu steigern. Oder in der man sich mit Freunden unterhält, ohne daran zu denken, dass man gerade sein soziales Netzwerk stärkt. In der man ein Bier trinkt, ohne daran zu denken, dass dessen Inhaltsstoffe spezielle isotonische Bedürfnisse des Körpers stillen. In der man auf der Couch liegt und aus dem Fenster starrt, ohne daran zu denken, dass solche Minuten des Nichtstuns wichtig sind, wenn man ab und an mal einen genialen kreativen Einfall haben will.

Gut, ich übertreibe, klar. Aber im Großen und Ganzen funktioniert unsere Gesellschaft schon so. Sport? Gut für die Gesundheit. Tagebuch schreiben? Gut für die Psyche. Einen schönen Film sehen? Gut für die Seele. Sich langweilen? Gut für die Kreativität. Nix, aber auch gar nichts fällt mir ein, was nicht schon auf irgendeine Art und Weise von Wissenschaftlern durchleuchtet wurde, und zwar immer mit demselben Hintergedanken: Zu welchen Zweck tun wir Menschen das? Was bringt es uns?
Und so wird jede und jeder Erwachsene mit Erkenntnissen darüber, wie ein perfektes Leben eigentlich aussehen sollte, geradezu überhäuft. Wie wichtig gute Ernährung ist, guter Schlaf, Bewegung, Entspannung, etwas Neues Lernen, Weiterbildung, soziale Kontakte, Zeit in der Natur, Zeit für Kultur. Alles, aber auch alles, was man machen kann, hat einen Sinn und Zweck. Oder zumindest wurde schon einer hinein interpretiert. 

Genau jetzt, an diesem Punkt, an dem es mich echt annervt, dass unsere Gesellschaft (und ich ja auch!) so ist, muss ich kurz lachen. Denn mir ist jenes Gespräch eingefallen, in dem ich  einen Artenkenner gefragt habe, warum ein bestimmtes Tier eine bestimmte Farbe hat.

Dazu muss ich erklären, dass ich eine Arten-Serie schreibe, die wöchentlich erscheint, und in der immer ein Artenkenner über eine Tierart berichtet. Diese Serie läuft nun schon eineinhalb Jahre, ich habe also bereits über 83 Tierarten gesprochen und geschrieben, das Ganze läuft also schon etwas routiniert ab - heißt: Ich weiß in etwa was ich fragen muss, damit der Artikel interessant wird.
Das ist auch kein Problem, denn wirklich jede Tierart strotzt nur so von interessanten Besonderheiten, die Artenkenner erzählen also begeistert davon - und sie haben für viele Verhaltensweisen oder Merkmale oder Vorlieben auch eine Erklärung. Der Vogel singt, weil das Weibchen diese Töne mag, die Fledermaus hängt in der Höhle, weil da kein Fuchs hinkommt, die Spinne ist rot, weil die Farbe Feinde abschreckt.
Also: Frage ich immer nach dem Weil.

Doch eines Tages hat ein Artenkenner auf diese Frage hin gelacht. Und gesagt:
"In der Natur gibt es keinen Sinn und Zweck. Wir interpretieren ihn nur hinein. Kein Vogel hat sich jemals überlegt: Jetzt bekommen ich blaue Federn, weil da die Weibchen so drauf stehen. Es ist einfach so passiert. Und jetzt stehen ein paar Weibchen darauf."

Ist das nicht wunderbar?

So sollte Muße sein. Sie sollte einfach so passieren. Man tut etwas, weil man das eben tut. Weil man etwas ausprobieren, machen, denken will - ohne Sinn und Zweck. Ohne Nutzen.

Vielleicht hat man danach etwas davon. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht ist man danach schlauer, oder man kann etwas besser, oder man hatte eine Erleuchtung oder einen Einfall - oder auch nicht. Dieses "oder auch nicht" ist echt wichtig. Dieses "oder auch nicht" sollte der Hauptzweck der Muße sein. Dann ist die Muße - meines Erachtens - wirklich Muße. 


So, und nun habe ich Muße gegoogelt, und nun muss ich mit Schrecken feststellen: Wikipedia sieht das ganz ähnlich!
(Oder, was heißt "mit Schrecken". Eigentlich ist das ja schön, dass wir uns auch Lexikon-technisch in den letzten 65 Jahren weiterentwickelt haben. Zumindest beim Thema Muße.)
Dort heißt es:

Als Muße bezeichnet man die Zeit, die eine Person nach eigenem Wunsch nutzen kann. Nicht alle Freizeit ist zugleich Muße, da viele Freizeitaktivitäten indirekt von Fremdinteressen bestimmt werden. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes (althochdeutsch „muoza“, mittelhochdeutsch „muoze“) war Gelegenheit, Möglichkeit.[1]

(Erstaunlicherweise hat sich offenbar auch die althochdeutsche Bedeutung des Wortes verändert. Aber gut, was weiß ich, wie Sprachwissenschaftler so arbeiten.)


Und zum Abschluss noch was Lustiges!
Wir waren ja vorhin schon beim Thema Artenkenner. Einer von ihnen, ein Vogel-Kenner namens Philipp,  ist wirklich wahnsinnig engagiert in Sachen "Leuten den Artenschutz schmackhaft machen". Und er ist auch noch wahnsinnig gut darin, muss man dazu sagen. Zum Beispiel läuft jedes Jahr seine Vogelstimmen-Hotline, also genau jetzt, im April. Da kann man auf Whatsapp einen Vogelgesang aufnehmen und ihm schicken, und dann antwortet er und erklärt, welcher Vogel das ist. (Geniale Idee, oder? Früher wäre er bei Wetten, dass...? aufgetreten.)

Nun denn, glücklicherweise bin ich mit diesem Philipp mittlerweile auch befreundet und schwelge somit das ganze Jahr über in dem Luxus, ihn nach Vogelstimmen fragen zu können. Als ich also Anfang März so ein "guru-guru" im Garten hörte, fragte ich ihn, wer das denn ist. Er schickte mir den Link zu einer englischen Youtuberin, Lucy Lapwing, die Vogelstimmen erklärt. Und die ist SO lustig! Wahnsinn.
(Und man lernt auch was dabei! Immer, wenn ich jetzt das "guru-guru" im Garten höre, weiß ich: Ah, die "Wood-Piiiigeon-Pigeon" ist das. Unsere Ringeltaube.
Aber schaut selbst.)

So, das war's wieder für heute!

Wie immer:  Wenn ihr Lob, Fragen, Kritik oder Anregungen habt, meldet euch!

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Also: Bis bald!