Mußestunde No. 6

Ode an die Nacht.


Heute mit einer Ode an die Nacht.

(Oben die malerische; es folgt die schriftliche.)


In den letzten Tagen und Wochen bin ich des Öfteren mal über das Thema Nacht gestolpert. Ja, werdet ihr jetzt sagen, wir auch, und zwar alle 24 Stunden. Ja, stimmt, jeden Abend wieder kommt die Nacht zu uns, daran ist nichts zu ändern - aber, und das ist nun die Frage: Haben wir unseren Umgang mit ihr geändert? Denn genau darum drehten sich die Beiträge zum Thema Nacht, die ich gehört und gelesen hatte.
Mir wurde klar: Haben wir.
Und: Saudoof ist das. 

Denn einst, vor langer, langer Zeit, war die Nacht etwas Mystisches. Sicher auch etwas Bedrohliches, denn wer wusste schon, welche Dämonen und bösen Geister und Götter sich da draußen herumtrieben, während wir sie nicht sahen? (So ganz ohne Flutlicht.)
Derweil aber saßen wir in der Höhle oder in der Hütte, immer ums Feuer herum (so stelle ich mir das jedenfalls ganz laienhaft vor), und erzählten uns Geschichten, und zwar vermutlich von genau jenen Dämonen und Geistern und Göttern, die sich da draußen so herumtrieben. (Sicherlich auch von Tante Hilke, die sich schon wieder eine eiternde Wunde zugezogen hat, weil sie einfach nicht lernt, den Flachs gekonnt zu spinnen - aber das nur nebenbei.)

Das müssen doch bezaubernde Nächte gewesen sein, oder? (All das Übel und die harte Arbeit undsoweiter blenden wir mal einfach geschickt aus.)

Und später dann, diese romantische Vorstellung von der Nacht bei Shakespeare und all den anderen Dichtern, in denen der Vollmond scheint und junge Leute in Gärten oder Parks oder Wäldern umherwandeln und dort allerhand erleben und verwechseln, und viel leiden und viel schmachten...

Dann die Neuzeit, mit ihrem elektrischen Licht und: dem Nachtleben. Ein wirklich schönes Wort für das Weggehen und Feiern und Tanzen und was Trinken und Musikhören und Reden und Lachen und das Freisein.

Denn darum ging es doch, damals, als wir noch mitten in der Nacht unterwegs waren, egal, ob beim Feiern oder beim Wildcampen oder beim Vollmondanbeten, oder?
Es ging darum, frei zu sein.

Dieser Aspekt ist der Nacht irgendwie abhanden gekommen.

Klar ist da auch die Pandemie schuld, mit all ihren Regeln und den Beschränkungen und den Ausgangssperren. (Davon handelt ein ziemlich genialer Artikel, den ich in der Zeit gelesen habe: "22 Uhr - und jetzt?" Darin spricht der Autor mit den Schauspielern Kida Ramadan und Frederick Lau übers Weggehen, sehr witzig und auch ein bisschen traurig, super eben.)

Aber ich glaube: Nicht nur die Pandemie ist daran schuld. Die Nacht hatte sich schon vorher verändert. Oder, eigentlich hat sich nicht die Nacht verändert, sondern wir.
Wir wollen immer effizient sein, leistungsstark, gesund, munter, perfekt. Also müssen wir die Nacht zur Erholung benutzen - um tagsüber wieder frisch und froh leisten zu können.

Auch die Nacht muss also perfektioniert werden, mit frühem Abendessen, danach ja keinen Snack mehr, schon gar keinen Drink, auch kein blaues Licht; alles wird getan, damit man früh müde wird, früh ins Bett geht, früh zum Schlafen kommt, also erholsam durchschläft, um wiederum noch früher ausgeruht aufstehen und ans Tagwerk gehen zu können.

(Zu dem Thema könnt ihr etwa  diesen und diesen Artikel lesen auf The Cut: Die Autorinnen stehen gegen 5 Uhr morgens auf und gehen um 21 Uhr ins Bett. Warum? Weil sie dann produktiver sind. Ich habe mal ein Interview gehört, in dem der Interviewte meinte, dass die Nacht mittlerweile kapitalisiert wird, und wenn ich diese beiden Artikel lese, denke ich: Uuuh, stimmt.)

Nun will ich überhaupt nichts gegen Schlafen sagen, im Gegenteil, ich bin ein absoluter Schlaf-Fan, ehrlich. Und klar werden wir alle älter, brauchen unseren Schlaf, wir haben ja auch immer mehr zu tun, tausend Verpflichtungen. Mir geht es selbst ganz genauso!

Trotzdem finde ich es schade. Ich finde es schade, wenn wir die Nacht nicht mehr ehren.
Sie nicht mehr bewundern. Sie nicht mehr feiern.

Denn die Nacht ist so schön.

Draußen in der Natur, wenn man den Sternenhimmel sieht, oder den Vollmond, wenn sogar die Vögel aufhören zu zwitschern, nur noch ein Ast hier und da knackst und man ganz still wird und ehrfürchtig. Drinnen im Haus, wenn es gemütlich wird, Kerzen und Lampen alles mit einem gelblichen Schein umhüllen, und man plötzlich irrsinnig lange Gespäche führt. Mitten im Nachtleben, wenn die Musik lauter wird, die Leute auch, sich alles irgendwie rebellisch anfühlt und man gar nicht mehr heim gehen will, weil vielleicht noch was passiert. Oder ganz allein auf der Couch, mit einem spannenden Buch in der Hand, denn man weiß, jetzt oder nie muss man es durchlesen, genau heute Nacht, denn bei Tageslicht wird dieser Zauber wieder verschwinden.



Bekommt ihr gerade auch Sehnsucht nach solchen Nächten?

Ich auch.



Also: Lasst sie wieder zurück in unser Leben holen, unsere langen Nächte.


So, das war die Ode an die Nacht.

Wer noch ein bisschen mehr in Stimmung kommen will: Derzeit läuft auf dem digitalen Münchner Dokfest (das leider nur noch bis morgen, 23. Mai, läuft) ein Film zum Thema Nacht: "To the moon". Sehr poetisch. Der Regisseur  Tadhg O'Sullivan hat ihn aus lauter alten Filmszenen aus aller Welt zusammengefügt; lauter Szenen rund um den Mond. Wirklich wunderschön.


Ach, jetzt fällt mir ein: Ich muss noch einen anderen Dokfest-Film empfehlen, "Hinter den Schlagzeilen". Er zeigt die zwei Investigativ-Journalisten der SZ, Bastian Obermayer und Frederik Obermaier (weder verwandt, noch verschwägert), bei der Arbeit. Haupthandlung ist das Strache-Video. Ist echt wahnsinnig interessant!


So, das war's jetzt aber wieder für heute.

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